Das saudische Gift

 Von Martin Gehlen

Der erzwungene Rücktritt des libanesischen Premiers bedeutet nichts Gutes für den Nahen Osten. Die brachiale Einmischung von Saudi-Arabien erzeugt neue Konflikte.

Als das Flugzeug von Saad Hariri in Riad landete, war dem Regierungschef des Libanon sofort klar, dass irgendetwas nicht stimmte. Kein offizieller Repräsentant des Königreiches war am Airport erschienen. Am nächsten Morgen wurde der irritierte Gast sofort zu Kronprinz Mohammed bin Salman zitiert. Stunden später verlas der sichtlich gestresste libanesische Milliardär im saudischen Fernsehen seinen Rücktritt. Der Text war gespickt mit für ihn untypischen Hieben gegen den Iran und gegen die Hisbollah – mit der er seit einem Jahr am Kabinettstisch sitzt.

Inzwischen ist klar: Die schmähliche Demission fern der Heimat wurde von Saudi-Arabien erzwungen. Nach amerikanischer und britischer Lesart wird Hariri an der Rückkehr in den Libanon gehindert. Möglicherweise steht er unter Hausarrest. Denn Saudi-Arabien will dem kleinen Mittelmeer-Anrainer jetzt Hariris älteren Bruder Bahaa als Regierungschef oktroyieren. Er hat wenig politische Erfahrung, dafür umso mehr Aversionen gegen die Hisbollah.

Eine Woche lang schwieg Washington zu dem merkwürdigen Treiben. Dann mahnten Außenministerium und Weißes Haus gemeinsam, die Souveränität des Libanon müsse respektiert werden. Sie titulierten Saad Hariri demonstrativ als Premierminister und lobten ihn als hochgeachteten Partner der Vereinigten Staaten. Das war eine harsche Replik für das befreundete Saudi-Arabien, die sich gleichzeitig an den Iran richtete.  Für die Zukunft der Region bedeutet die jüngste Eskalation nichts Gutes. Zwar ist der „Islamische Staat“ (IS) militärisch nahezu besiegt, zwar geht der syrische Bürgerkrieg Ende entgegen – doch statt der ersehnten Befriedung des Nahen Ostens näher zu kommen, rüsten sich alle Parteien für neue Konflikte.

Politische und kulturelle Katastrophe

Von Marokko bis Jemen, von Pakistan bis Indonesien dämonisierten ihre Missionare fortan die eingesessene, vor Ort verwurzelte Religiosität als verdorben und unislamisch. Und die Ölmilliarden vom Hofe Al-Saud sorgten dafür, dass diese aggressive Intoleranz bis in jeden Winkel der Erde getragen wurde. Vor drei Jahren kehrte sie als mörderische Ideologie in den Nahen Osten zurück: 30.000 religiöse Fanatiker aus über hundert Nationen ließen sich vom „Islamischen Staat“ als Gotteskrieger rekrutieren.  Das saudische Königshaus begreift jetzt endlich, welche politische und kulturelle Katastrophe es angerichtet hat. Plötzlich will der ebenso allmächtige wie sprunghafte Thronfolger Mohammed bin Salman alles auf einmal anpacken.  Jemen, Irak und Syrien liegen bereits in Trümmern. Der Libanon hat sich durch den Konsens seiner Eliten bisher mühsam den Frieden bewahrt. Doch der brachiale Einmischungskurs des saudischen Kronprinzen könnte nun auch den Zedernstaat ins Wanken bringen.

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