Wie die Türkei Siedlungspolitik betreibt

Von Muhamad Abdi und Hannes Heine.

 Ein halbes Jahr nach der Besetzung der nordsyrischen Stadt Afrin droht eine weitere humanitäre Katastrophe. Die Türkei betreibt dabei Siedlungspolitik gegen die Kurden.

Während das Interesse der deutschen Öffentlichkeit am Syrien-Krieg nachzulassen scheint, hat sich die Lage dort für Hunderttausende noch einmal verschlechtert. Aus dem nordsyrischen Afrin dürften bald bis zu 200.000 Männer, Frauen und Kinder geflohen sein – die meisten von ihnen sind Kurden. Afrin ist eine kurdische Enklave an der Grenze zur Türkei, die vom Krieg weitgehend verschont geblieben ist – bis zum Januar dieses Jahres.

Damals wurde Afrin von der türkischen Armee und mit ihr verbündeten Islamisten besetzt. Wie das UN-Amt für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten schon vor Wochen erklärte, siedelt die Türkei systematisch Araber in Afrin an. Dabei soll es sich meist um syrische Palästinenser handeln, die oft aus Jarmuk bei Damaskus stammen.

Dazu kommen offenbar syrische Turkmenen. Unter diesen beiden Bevölkerungsgruppen sind erzkonservative Sunniten vergleichsweise häufig, zumal solche, die im türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan den Beschützer der muslimischen Welt sehen.

Afrin wurde von einer Koalition säkularer, jesidischer, christlicher und moderat-muslimischer Syrer unter Führung der Kurdenpartei PYD regiert. Erdogan und letztlich auch Syriens Machthaber Baschar al Assad lehnen eine kurdische Autonomieverwaltung ab, obwohl Assad mit der PYD-nahen Miliz de facto einen Waffenstillstand vereinbaren ließ. Die PYD steht der Arbeiterpartei Kurdistans PKK nahe, die gegen Ankaras Militär und für kurdische Autonomie in der Türkei kämpft.

Erdogan lässt die PKK derzeit auch im Nordirak bombardieren. Auch Islamisten kommen nach Afrin Neben arabischen Familien aus Flüchtlingslagern in der Türkei kommen nun auch Islamisten aus den einstigen Rebellenhochburgen Syriens nach Afrin: Man solle sich auf den Weg nach Afrin machen, heißt es in einschlägigen Internetforen, die „gottlosen“ Kurden dort würde man vertreiben.

„Die Ansiedlung dieser Familien in Afrin ist eine fundamentale Menschenrechtsverletzung und ein klarer Verstoß gegen internationales Recht“, erklärte die PYD. Tausende aus den Dörfern an der türkischen Grenze geflohene Kurden harren noch in der Stadt Afrin aus, im Internet sind Videos von Misshandlungen durch protürkische Milizionäre zu sehen.

Viele Kurden sind nach Süden geflohen, dort verteidigen sie ein schmales Gebiet gegen türkische Truppen. Mit der Arabisierung Afrins möchte Erdogan verhindern, dass ein grenzüberschreitendes, womöglich von der PKK dominiertes Kurdengebiet entstehen könnte.

Denn im Süden der Türkei leben ebenfalls – oft oppositionelle – Kurden. In Afrin lebten jedoch nicht nur Kurden, sondern auch christliche und muslimische Araber. Viele von ihnen flohen einst aus Aleppo. Krankheiten brechen aus In den Auffanglagern südlich von Afrin brechen immer wieder Krankheiten aus. Jiwan S., 22, stammt aus Kobane. Das ist jene syrische Stadt an der türkischen Grenze, die im Herbst 2014 weltweit bekannt wurde, weil die Kurden dort die Angreifer des „Islamischen Staates“ abwehrten. Jiwan S. arbeitet im Flüchtlingslager bei Aleppo für den Kurdischen Roten Halbmond.

Auch er berichtet am Telefon: „In den vergangenen Wochen haben wir mehr als 1000 Fälle von Leishmaniose und Tuberkulose festgestellt – wegen des Mülls und der mangelnden Hygiene.“ Zwischen den Feldbetten tauchten Schlangen und Skorpione auf. Im März hatte Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) erklärt, man wolle, dass „keine türkischen Kräfte dauerhaft in Afrin verbleiben, und dies auch bei der türkischen Regierung mit allem Nachdruck“ einfordern. Im Auswärtigen Amt gebe es aber immer noch keine „abschließende Bewertung“ der Lage, wie Staatsminister Michael Roth (SPD) kürzlich auf eine Anfrage der Linken erklärte. Die Antwort zeige, dass die Kritik der Bundesregierung an der Besatzung Afrins bloßes Lippenbekenntnis gewesen sei.

Der Tagesspiegel

 

 

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